Imperator: - Die Tore von Rom

Roman
Aus dem Original: Emperor 1: The Gates of Rome

Iggulden, Conn - Jung, Gerald (Übersetzung)



Verlag
Blanvalet , Juni 2004
Einband
Kartoniert / Broschiert
Format
480 S. - 206x135 mm - Sprache: ger
Stichworte
Taschenbuch / Belletristik/Historische Romane, Erzählungen, Historischer Roman, Englische Literatur, Belletristik, Imperator-Saga, Italien, Rom
EAN(s)
9783442360703
3442360706
Rom im ersten Jahrhundert vor Christus: Auf einem Landgut nahe der Stadt unterwerfen sich zwei Patriziersöhne einem unmenschlich harten Drill. Eines Tages nämlich sollen Gaius Julius Caesar und sein Freund Marcus Brutus unbesiegbare Soldaten und mächtige politische Anführer sein. Doch viel zu früh endet die Ausbildung der beiden Jungen: Aufständische Sklaven verwüsten ihr Zuhause und zwingen sie zur Flucht nach Rom. Doch auch dort finden Gaius und Marcus keinen Frieden. Denn sie geraten in ein tödliches Netz aus Intrigen und offenen Machtkämpfen. Das Reich droht in einem blutigen Bürgerkrieg zu zerbrechen!

"Wer den Film Gladiator mag, wird die Imperator-Romane lieben!"
Für die beiden Jungen war der Pfad, auf dem sie durch den Wald schlenderten, ein breiter Damm. Beide waren so mit dickem schwarzem Schlamm verklebt, dass man sie kaum als menschliche Wesen erkennen konnte. Der größere der beiden hatte blaue Augen, die unnatürlich hell aus der antrocknenden, juckenden Panade hervorstachen.
'Dafür bringen sie uns um, Marcus', sagte er grinsend und schwang lässig seine Schleuder, die von dem Gewicht eines glatten Flusskiesels straff gehalten wurde.
'Und du bist schuld daran, Gaius, weil du mich reingestoßen hast. Ich hab dir ja gesagt, dass das Flussbett nicht überall trocken ist.'
Noch während er sprach, schubste der kleinere Junge seinen Freund lachend in die Büsche, die den Wegrand säumten. Unter lautem Gejohle rannte er davon, als Gaius sich wieder herauswand und mit wirbelnder Schleuder die Verfolgung aufnahm.
'Auf in die Schlacht!', erklang sein Schrei.
Die Abreibung, die ihnen zu Hause drohte, weil sie ihre Tuniken verdreckt hatten, war noch weit weg, außerdem kannten die beiden Jungen ohnehin sämtliche Tricks und Ausflüchte, um sich aus der Affäre zu ziehen. Für die beiden zählte jetzt nichts anderes, als mit voller Geschwindigkeit über die Waldwege zu jagen und Vögel aufzuscheuchen. Beide Jungen waren barfuß, und obwohl sie erst acht Sommer erlebt hatten, zeigten sich an ihren Füßen bereits Schwielen.
'Dieses Mal kriege ich ihn', murmelte Gaius keuchend vor sich hin. Es war ihm ein Rätsel, wieso Marcus, obwohl ihm genau die gleiche Anzahl Beine und Arme zur Verfügung stand wie ihm selbst, diese irgendwie dazu bringen konnte, sich schneller zu bewegen. Eigentlich müssten seine Schritte doch kürzer sein, weil er kleiner war, oder?
Die Blätter peitschten an ihm vorbei und brannten auf seinen nackten Armen. Er hörte, wie sich Marcus, der nicht weit vor ihm war, über ihn lustig machte. Allmählich tat Gaius die Lunge weh, und er bleckte die Zähne.
Ohne Vorwarnung kam er aus vollem Lauf auf eine Lichtung geschossen, wo er abrupt zum Stehen kam. Marcus lag auf dem Boden, versuchte sich aufzusetzen und hielt sich mit der rechten Hand den Kopf. Drei Männer - nein, es waren ältere Jungen - mit Wanderstäben in den Händen standen um ihn herum.
Gaius erfasste die Situation und stöhnte auf. Die wilde Jagd hatte die beiden Jungen von dem kleinen Anwesen seines Vaters weg und in das Waldstück des Nachbarn hineingeführt. Eigentlich hätte er den Pfad, der die Grenzen markierte, gleich erkennen müssen.
'Was haben wir denn da? Ein paar kleine Schlammfische, frisch aus dem Fluss gekrochen!'
Der so sprach war Suetonius, der älteste Spross des Nachbarn. Er war vierzehn und hatte nichts anderes zu tun als die Zeit totzuschlagen, bevor er zur Armee ging. Seine Muskeln waren gut trainiert, wohingegen die der beiden jüngeren Knaben noch nicht voll entwickelt waren. Ein blonder Schopf thronte über Suetonius' mit Pickeln gesprenkeltem Gesicht. Nicht nur Wangen und Stirn waren mit Pusteln bedeckt, noch mehr tiefrote Entzündungen lugten unter seiner Praetexta hervor. Außerdem hatte er einen langen, geraden Stock, ein paar Freunde, die es zu beeindrucken galt, und einen Nachmittag, mit dem er sonst nichts Besseres anzufangen wusste.
Gaius hatte Angst. Er wusste, dass er eigentlich nicht hier sein durfte. Er und Marcus hatten die Grenze überschritten. Das Mindeste, was ihnen jetzt widerfahren würde, waren ein paar Stockhiebe, schlimmstenfalls aber wurden sie derartig verprügelt, dass sie sich ein paar gebrochene Knochen einhandelten. Er blickte zu Marcus hinüber und sah, wie sein Freund versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Offensichtlich war er mit irgendwas zu Boden geschlagen worden, nachdem er unversehens in die älteren Jungen hineingerannt war.
'Lass uns gehen, Tonius. Wir werden zu Hause erwartet.'
'Sprechende Schlammfische! Damit machen wir ein Vermögen, Jungs! Schnappt sie euch. Ich habe zufällig ein Seil zum Schweinefesseln dabei, das kann man bestimmt auch für Schlammfische benutzen.'
Da Marcus nicht entkommen konnte, zog Gaius Flucht gar nicht erst in Betracht. Das hier war kein Spiel mehr. Die Grausamkeit der Jungen ließ sich womöglich besänftigen, wenn man ihnen mit Vorsicht begegnete und besonnen auf sie einredete wie auf Skorpione, die bereit waren, ohne Vorwarnung anzugreifen.
Suetonius' Gefährten näherten sich mit schlagbereiten Stäben. Gaius kannte die beiden nicht. Einer riss Marcus hoch, der andere, ein stämmiger, beschränkt aussehender Junge, rammte Gaius seinen Stab in den Bauch. Unfähig einen Laut von sich zu geben, krümmte dieser sich vor Schmerzen. Als er zusammenklappte, hörte er den Jungen lachen. Er stöhnte leise und versuchte, sich um den Schmerz herumzukrümmen.
'Da drüben ist ein Ast, der müsste reichen. Bindet ihre Füße zusammen und verschnürt sie so, dass wir sie baumeln lassen können. Dann können wir ausprobieren, wer der beste Speerund Steinwerfer ist.'
'Dein Vater kennt meinen Vater', stieß Gaius hervor, als der Schmerz in seinem Bauch etwas nachließ.
'Das stimmt. Aber er kann ihn nicht leiden. Mein Vater ist ein richtiger Patrizier, nicht wie deiner. Wenn er wollte, könnte er deine ganze Familie zu seinen Bediensteten machen. Dann lass ich deine verrückte Mutter die Fliesen schrubben.'
Immerhin redete Suetonius noch. Der Schläger war gerade dabei, Gaius' Füße mit dem Seil aus Pferdehaar zusammenzubinden, um ihn daran hochzuziehen. Womit konnte Gaius weiter verhandeln? Sein Vater hatte nicht viel Einfluss in der Stadt, nur die Familie seiner Mutter hatte ein paar Konsuln hervorgebracht, das war alles. Aber Onkel Marius war ein mächtiger Mann, zumindest behauptete das seine Mutter.
'Wir sind Nobilitas! Mit meinem Onkel Marius sollte man sich besser nicht anlegen.'
Plötzlich ertönte ein schriller Schrei. Das Seil über dem Ast spannte sich, und Marcus wurde kopfüber in die Luft geschleudert.
'Bindet das Seilende an diesem Baumstumpf fest! Dann kommt dieser Fisch hier an die Reihe', lachte Tonius schadenfroh.
Gaius sah, dass Tonius' Freunde seinen Befehlen ohne Zögern Folge leisteten, also war es völlig sinnlos, einen der beiden anzuflehen.
'Lass uns runter, du pickliger Eiterbeutel!', schrie Marcus, dessen Gesicht durch den Blutandrang rot anlief.
Gaius stöhnte. Jetzt würden sie sie umbringen, so viel war sicher.
'Marcus, du Idiot. Sag nichts über seine Pickel. Man sieht doch, dass er deswegen bestimmt empfindlich ist.'
Suetonius zog eine Augenbraue hoch und klappte überrascht den Mund auf. Der untersetzte Junge, der gerade das Seil über den gleichen Ast werfen wollte, an dem bereits Marcus schaukelte, hielt inne.
'Oh, jetzt hast du aber einen Fehler gemacht, kleiner Fisch.
Zieh den da auch noch hoch, Decius. Den lass ich ein bisschen bluten.'
Plötzlich kippte die Welt vor Gaius' Augen auf Übelkeit erregende Weise auf den Kopf; er hörte den Ast ächzen, und ein leises Pfeifen summte in seinen Ohren, als ihm das Blut in den Kopf stieg. Er drehte sich langsam im Kreis, bis er Marcus in der gleichen prekären Stellung neben sich hängen sah. Seine Nase blutete ein wenig von dem Schlag, der ihn anfangs zu Boden gestreckt hatte.
'Ich glaube, du hast mein Nasenbluten gestillt, Tonius. Danke schön.' Marcus' Stimme zitterte leicht, und Gaius musste über die Tapferkeit seines Freundes lächeln.
Als er zu ihnen auf das Gut kam, war der kleine Junge von Natur aus sehr nervös und ein bisschen zu klein für sein Alter gewesen. Gaius hatte ihm das Anwesen gezeigt, und schließlich waren sie in der Heuscheune gelandet, hoch über den aufgestapelten Garben. Sie hatten auf den losen Haufen tief unter ihnen hinuntergeschaut, und Marcus' Hände hatten gezittert.
'Ich springe zuerst und zeige dir, wie's geht', hatte Gaius fröhlich gesagt und war jauchzend mit den Füßen voran in die Tiefe gehüpft.
Von unten hatte er ein paar Sekunden lang zur Kante hinaufgeblickt und darauf gewartet, dass Marcus ihm folgte. Gerade als er schon glaubte, dass nichts mehr geschehen würde, schoss eine kleine Gestalt in hohem Bogen durch die Luft. Gaius konnte sich gerade noch zur Seite werfen, bevor Marcus atemlos nach Luft japsend ins Heu plumpste.
'Ich dachte schon, du hast zu viel Angst', hatte Gaius zu dem neben ihm ausgestreckten Jungen gesagt, der ihn durch die Staubwolke anblinzelte.
'Hatte ich auch', hatte Marcus leise geantwortet, 'aber Angst lasse ich einfach nicht gelten. Ich lasse sie einfach nicht zu.'
Suetonius' harsche Stimme unterbrach Gaius' kreisende Gedanken: 'Meine Herren, Fleisch muss zuerst ordentlich weich geklopft werden. Nehmt eure Positionen ein und beginnt mit der Prozedur, und zwar so.'
Mit diesen Worten holte er mit seinem Stock über Gaius' Kopf aus und traf ihn dicht über dem Ohr. Die Welt um Gaius herum wurde zuerst weiß, dann schwarz. Als er die Augen schließlich wieder öffnete, drehte sich alles um ihn herum, weil das Seil im Kreis herum trudelte. Eine Zeit lang spürte er die Schläge noch, während Suetonius laut mitzählte. 'Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei.'
Er bildete sich ein, Marcus weinen zu hören, dann schwanden ihm inmitten des höhnischen Gejohles und Gelächters die Sinne.

Noch bei Tageslicht kam er ein paarmal zu sich, wurde jedoch immer wieder ohnmächtig. Erst in der Abenddämmerung gelang es ihm endlich, bei Bewusstsein zu bleiben. Sein rechtes Auge war blutunterlaufen, sein Gesicht geschwollen und verklebt. Noch immer hingen sie kopfüber an dem Ast und pendelten sanft im Abendwind, der von den Hügeln herunterstrich.
'Marcus, wach auf! Marcus!'
Sein Freund rührte sich nicht. Er sah furchtbar aus, wie eine Art Dämon. Die Kruste aus angetrocknetem Flussschlamm war abgeplatzt, nur grauer, von roten und purpurnen Streifen durchzogener Staub haftete noch an ihm. Sein Kiefer war geschwollen, und an der Schläfe stand eine Beule ab; seine linke Hand war dick und hatte im schwindenden Licht eine bläuliche Tönung. Gaius versuchte, die eigenen Hände zu bewegen, die noch immer mit dem Seil gefesselt waren. Obwohl sie ganz steif waren und schmerzten, konnte er beide bewegen und versuchte, sie frei zu bekommen. Sein junger Körper war geschmeidig, und die Sorge um seinen Freund ließ ihn die Schmerzwelle ignorieren, die von neuem über ihm zusammenschlug. Er musste sich um Marcus kümmern, ihm durfte nichts passiert sein. Doch dazu musste Gaius zuerst selbst wieder auf die Erde kommen.
Eine Hand kam frei. Er streckte sie nach unten und streifte mit den Fingerspitzen Staub und trockene Blätter. Nichts. Auch die andere Hand kam frei und er weitete seine Suche aus, indem er seinen Körper langsam im Kreis schaukeln ließ. Ja, da lag ein kleiner Stein mit einer scharfen Kante. Und jetzt zum schwierigen Teil.
'Marcus! Kannst du mich hören? Ich hole uns hier runter. Mach dir keine Sorgen! Und dann bringe ich Suetonius und seine fetten Freunde um.'
Marcus schaukelte sanft und lautlos hin und her; sein schlaffer Mund stand offen. Gaius holte tief Luft und wappnete sich gegen den Schmerz. Schon unter normalen Umständen wäre es äußerst schwierig gewesen, nach oben zu greifen und, nur mit einem scharfen Stein ausgerüstet, ein dickes Seil zu durchtrennen. Da sein ganzer Unterleib mit Blutergüssen übersät war, schien die Aufgabe nahezu unmöglich.
Also los!
Er hievte sich hoch, und der Schmerz, der seinen Bauch blitzartig durchzuckte, ließ ihn aufschreien, doch es gelang ihm, den Oberkörper trotzdem nach oben zu recken und mit beiden Händen zuzufassen. Seine Lunge pumpte vor Anstrengung wie rasend. Er fühlte, wie er wieder schwächer wurde und vor seinen Augen alles verschwamm. Zuerst glaubte er, sich übergeben und nach ein paar Sekunden wieder loslassen zu müssen. Aber dann gelang es ihm doch, die Hand, die den Stein hielt, Zentimeter für Zentimeter zu lösen und sich nach hinten zu lehnen. Damit hatte er genug Platz, nach der Leine zu fassen und daran zu sägen, wobei er versuchte, seine Haut nicht zu verletzen, wo die Fesseln zu tief eingeschnitten hatten.
Der Stein war entmutigend stumpf, und Gaius konnte sich nicht lange oben halten. Um den Fall besser kontrollieren zu können, versuchte er loszulassen, bevor seine Hände abrutschten, doch das war unmöglich.
'Du hast immer noch den Stein', murmelte er vor sich hin. 'Du musst weitermachen, bevor Suetonius zurückkommt.'
Ein anderer Gedanke durchzuckte ihn. Vielleicht war sein Vater aus Rom heimgekehrt, denn er wurde jeden Tag zurückerwartet. Jetzt, mit Anbruch der Dunkelheit, würde er sich Sorgen machen. Vielleicht suchte er bereits nach den beiden Jungen, kam dieser Lichtung immer näher und rief ihre Namen. So durfte er sie auf keinen Fall finden. Die Schande wäre zu groß.
'Marcus? Wir sagen einfach, wir sind hingefallen. Ich will nicht, dass mein Vater davon erfährt.'
Marcus schaukelte besinnungslos an dem knarrenden Seil im Kreis.
Noch fünfmal musste sich Gaius nach oben schwingen und an dem dicken Strick sägen, ehe dieser endlich nachgab. Dann landete er fast flach auf dem Boden und schluchzte, als seine geschundenen Muskeln zuckten und zitterten.
Er versuchte, Marcus langsam herabzulassen, doch er war zu schwer für ihn, und das plötzliche Gewicht in seinen Armen ließ ihn fast zusammenbrechen.
Immerhin erwachte Marcus durch den neuerlichen Schmerz des Aufpralls und öffnete die Augen.
'Meine Hand', flüsterte er mit brüchiger Stimme.
'Ich würde sagen, die ist gebrochen. Halte sie ruhig. Wir müssen hier weg, falls Suetonius zurückkommt oder mein Vater uns sucht. Es ist schon fast dunkel. Kannst du aufstehen?'
'Ich denke schon. obwohl meine Beine sich ziemlich schwach anfühlen. Dieser Tonius ist ein Dreckskerl', murmelte Marcus. Er versuchte, den Unterkiefer nicht zu bewegen und sprach stattdessen zwischen den geschwollenen, aufgeplatzten Lippen hindurch.
Gaius nickte grimmig. 'Wohl wahr! Ich denke, mit dem haben wir noch eine Rechnung zu begleichen.'
Marcus grinste und zuckte sofort schmerzvoll zusammen, weil dabei die Risse in seinen Lippen wieder aufplatzten. 'Aber erst müssen wir uns ein wenig erholen, meinst du nicht? Im Augenblick bin ich nicht besonders scharf darauf, es mit ihm aufzunehmen.'
Sich gegenseitig stützend wankten die beiden Jungen in der Dunkelheit nach Hause. Sie gingen etwa eine Meile über die Kornfelder, an den Sklavenquartieren der Feldarbeiter vorbei und auf die Hauptgebäude zu. Wie zu erwarten gewesen war, brannten die Öllampen an den Mauern des Haupthauses noch.
'Tubruk wartet bestimmt noch auf uns, der schläft nie', murmelte Gaius, als sie zwischen den Pfeilern des äußeren Tores hindurchhumpelten.
Die Stimme aus dem Schatten erschreckte sie beide.
'Das ist auch gut so. Diesen Anblick hätte ich mir nur ungern entgehen lassen. Du kannst froh sein, dass dein Vater nicht hier ist. Wenn der euch dabei erwischt, wie ihr in einem solchen Aufzug nach Hause kommt, zieht er euch die Haut vom Rücken. Was war es denn dieses Mal?'
Tubruk trat in das gelbe Licht der Öllampen und beugte sich vor. Er war kräftig gebaut, ein ehemaliger Gladiator, der sich die Position des Aufsehers auf dem kleinen Gut vor den Toren Roms gekauft und nie mehr zurückgeschaut hatte. Gaius' Vater sagte immer, Tubruk sei ein Organisationstalent, wie man nur eines im Tausend findet. Die Sklaven arbeiteten gut unter ihm, manche aus Angst, andere, weil sie ihn mochten. Er roch an den beiden Jungen.
'Seid wohl in den Fluss gefallen, was? Jedenfalls riecht es so.'
Froh darüber, dass eine Erklärung bei der Hand war, nickten die beiden.
'Aber diese Striemen von Stockhieben habt ihr euch nicht im Flussbett geholt, oder? Das war Suetonius, stimmt's? Ich hätte ihm schon vor Jahren mal in den Hintern treten sollen, als er noch jung und für gute Erziehung empfänglich war. Also?'
'Nein, Tubruk. Wir hatten Streit und haben ein bisschen miteinander gerauft. Außer uns war niemand im Spiel. Und selbst wenn es so wäre, würden wir das lieber alleine regeln, verstehst du?'
Tubruk musste grinsen, als er solche Worte von einem kleinen Jungen vernahm. Er war fünfundvierzig Jahre alt, doch sein Haar war bereits in den Dreißigern ergraut. Er war Legionär in der Dritten Kyrenaika in Afrika gewesen und hatte als Gladiator fast hundert Kämpfe ausgefochten, wovon eine Unmenge Narben auf seinem Körper zeugten. Er streckte seine riesige Schaufelhand aus und strich Gaius mit kantigen Fingern durchs Haar.
'Ja, das verstehe ich gut, kleiner Wolf. Du bist ganz der Sohn deines Vaters. Aber noch kannst du nicht alles alleine regeln. Du bist immer noch ein Knabe, und Suetonius oder wer auch immer entwickelt sich, wie ich höre, zu einem ausgezeichneten jungen Krieger. Seht euch vor. Sein Vater ist viel zu mächtig, als dass man ihn im Senat zum Feind haben sollte.'
Gaius richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sprach so förmlich, wie er nur konnte, um seine Position klarzustellen.
'Dann trifft es sich ja gut, dass dieser Suetonius überhaupt nichts mit uns zu tun hatte', erwiderte er.
Tubruk unterdrückte ein Grinsen und nickte, als akzeptiere er den Einwand.
Etwas selbstsicherer fuhr Gaius fort: 'Schick Lucius zu uns, damit er nach unseren Wunden sieht. Meine Nase ist gebrochen und Marcus' Hand höchstwahrscheinlich auch.' Tubruk sah ihnen nach, wie sie zum Haupthaus wankten und kehrte dann zu seinem Posten in der Dunkelheit zurück. Wie jede Nacht hielt er die erste Wache am Tor. Bald war Hochsommer und die Tage würden wieder unerträglich heiß sein. Das Leben war herrlich, mit einem so klaren Himmel über sich und ehrlicher Arbeit vor sich.
Am nächsten Morgen meldeten sich Muskeln, Gelenke und Wunden mit schmerzhaftem Protest, und die beiden darauf folgenden Tage waren sogar noch schlimmer. Marcus hatte Fieber bekommen. Von der gebrochenen Hand, die, geschient und verbunden, zu unglaublichen Dimensionen angeschwollen war, sei es zum Kopf gewandert, sagte der Medicus. Tagelang war er glühend heiß und musste im Dunkeln liegen, während Gaius auf den Stufen draußen vor sich hin grübelte.
Fast genau eine Woche nach dem Angriff im Wald war Marcus zwar immer noch schwach und schlief viel, befand sich jedoch auf dem Weg der Besserung. Auch Gaius' Muskeln taten noch weh, wenn er sie streckte, und sein Gesicht war ein hübsches Sammelsurium aus gelben und blauen Flecken, die, an manchen Stellen glänzend und geschwollen, nach und nach verheilten. Es wurde langsam Zeit, Suetonius zu finden. Höchste Zeit sogar.

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